– das Interview führt Katharina Aschenbrenner

Caroline Tisson hat 2010 das erste Mal U17 Nationalteam gespielt und seitdem alle Jugendteams des deutschen Frisbeesportverbands durchlaufen. Heute ist sie Nationalspielerin und Kapitänin des Frauennationalteams. Außerdem coachte sie seit Herbst 2014 das U17 Mädchen Nationalteam und fuhr dabei zwei EM Titel ein. Seit 2019 leitet sie das U20 Nationalteam (zusammen mit mir) und seit 2018 auch “UdeC”, das Kölner Frauenteam. Für mich ist sie eine der umtriebigsten und spannendsten Ultimate Coaching- Persönlichkeiten Deutschlands und daher würde ich sie euch gerne im Interview vorstellen.

Hallo Caro, fangen wir vorne an. Wie bist du zum Coaching gekommen?

Ich habe in der 9. Klasse schon einige Jahre selbst in der Schul AG Ultimate gespielt als unsere Trainer:innen kurz vor dem Abitur standen und die AG drohte zu versiegen. Mein bester Freund und ich wollten das so nicht hinnehmen und sind mit einem “Konzeptpapier“ zu unserem Sportlehrer gerannt. Der hat uns dann – bestimmt aus pädagogischen Gründen – gewähren lassen und wir standen nach einer Werbeaktion vor den Sommerferien im nächsten Schuljahr als U14 Coaches vor über 30 Kids. Wir waren zwar noch sehr jung und hatten fast keine Erfahrung, aber haben stark davon profitiert, dass wir uns einfach ausprobieren durften und auch aus Fehlern lernen durften. Dadurch, dass unser Projekt mit der U14 Erfolg hatte, haben wir dann auch die U17 übernommen.

Caro (vorne rechts) und Trainerkollege Nici (vorn links) mit der Päcmän U14 bei einem Turnier in Münster

Wow, du warst also erst 16 als du zum ersten Mal Verantwortung für ein Team übernommen hast. Wie lang hattest du damals schon selbst gespielt? Was hat dir das Selbstvertrauen gegeben das zu schaffen? 

Das müssen ca. drei Jahre gewesen sein. Ich war zu der Zeit auch schon im Junior:innennationalteam, das hat mich motiviert. Das Training zu zweit zu gestalten war nicht nur ein aufregendes Projekt für unsere Freundschaft, sondern hat auch Sicherheit gegeben. Auch das Vertrauen unseres Sportlehrers hat uns bestärkt, unser DinA4 Blatt war anscheinend gut genug, dass er uns auf die Kids los ließ, das hat uns schon was bedeutet zu dem Zeitpunkt. Und wir wollten unsere Sache natürlich auch gut machen. Da ist die ein oder andere Mathestunde in der letzten Reihe für Trainingsplanungen bei draufgegangen.

Das ist ja ein etwas ungewöhnlicher Werdegang, typischerweise fangen Trainer:innen bei uns ja später und meist als Spielertrainer:innen an. Hattest du diese Rolle auch mal inne? 

Ich würde eigentlich sagen, der Werdegang war sehr ähnlich. Ich war Spielerin und wollte die Sache, das Team, voranbringen, so wie es vielen Spielertrainer:innen auch geht. Mein zweites Team war ein Anfänger:innenteam in meiner ersten Studienstadt, Tübingen. Meine Mitbewohner:innen – ganze 51 – fanden den Sport spannend, also haben wir uns ein Anfänger:innenturnier rausgesucht und angefangen zu trainieren. Da war ich für ein halbes Jahr Spielertrainerin und alle anderen waren blutige Anfänger:innen. Ich hatte also wieder eine super Spielwiese um mich als Trainerin auszuprobieren und zu lernen die Basics zu vermitteln. Nach meinem ersten Jahr in Köln ist unser Trainer weggezogen und ich habe im Coachingteam einfach nachgefragt, ob ich mithelfen kann. Ein Jahr danach hatte sich meine Rolle etwas verändert und ich habe mich dann sehr gefreut diese Aufgabe vollständig zu übernehmen und meine eigenen Ideen umzusetzen.

Es ging also für dich oft darum in Rollen reinzuwachsen, wie hast du dich überdies als Trainerin ausgebildet und weiterentwickelt?

Am Anfang habe ich einfach vieles, was ich von meinen Trainer:innen und Mitspieler:innen in der AG und im Nationalteam gelernt habe, übernommen und weitergegeben. Mit meinem Sportstudium habe ich dann angefangen die Vermittlung technischer und taktischer Elemente mehr zu hinterfragen und eigene Ideen zu entwickeln. Mein erstes Coaching-Buch war “Essential Ultimate” von Michael Baccarini und Tiina Booth. Neben Büchern, habe ich mich über das Internet weitergebildet und später auch die Trainer:innenausbildung beim DFV gemacht. Aber es geht auch noch weiter, damit ist man nie fertig. Ich versuche immer mich weiterzubilden, auch in anderen Sportarten, um spannende Konzepte und Übungen zu übertragen. Das finde ich mega inspirierend, weil Ultimate ja auch aus anderen Sportarten entstanden ist. Viele etablierte Sportarten sind in der Sportspielvermittlung auch schon viel weiter. Dies können wir uns im Ultimate zunutze machen und dabei kreativ und offen sein und Dinge auszuprobieren.

Spaß mit dem Team darf nicht zu kurz kommen. Caro sorgt für eine Erfrischung beim Trainingslager der U20.

Hast du so etwas wie eine Coaching-Philosophie? Wie bist du dazu gekommen?

Oh, das ist total schwierig. In jedem Fall stehen für mich die Athlet:innen an sich und das Team im Mittelpunkt – manchmal zitiere ich aus dem “Känguru”, dass “ich mich da einfach mehr als Dienstleister verstehen muss”. Damit meine ich, dass ich versuche zuerst herauszufinden, was das Team will und was ich dazu beitragen kann. Aber es hat auch Zeit und auch Frust gebraucht zu dieser Erkenntnis zu kommen. Am Anfang bin ich mit viel mehr eigenen Zielen und Visionen an eine Saison herangegangen. Ich habe für mich festgestellt, dass ich als Coach am glücklichsten bin, wenn ich meine Erwartungen an das Team eng an deren Erwartungen knüpfe. Nur dann können beide Seiten zufrieden sein. Die Ausgestaltung dieser Philosophie hängt dementsprechend stark vom Team ab.

Okay, lass uns Tacheles reden. Welches Team oder welche Situation hat dich vor die größte Herausforderung gestellt und wie hast du sie gemeistert?

Die Saison, die mir am schwierigsten in Erinnerung ist, ist die Saison mit der U20 2019. Auf der Europameisterschaft klar war, dass wir [anm: Caro und Katha] ab irgendeinem Zeitpunkt keinen emotionalen Zugang mehr zum Team hatten. So konnten wir die Stimmung auch nicht mehr moderieren, obwohl das so wichtig ist um Leistung abzurufen. Im Nachhinein betrachtet haben wir wohl zu spät erkannt, dass die Ziele, die wir glaubten zu verfolgen, von einem Teil des Teams nicht mitgetragen wurden. Auf der EM konnten wir diese Versäumnisse dann auch nicht mehr aufholen, da uns die Kommunikationskanäle zum Team gefehlt haben.

Wir haben die Lehre gezogen, dass wir viel mehr kommunizieren müssen und auch schon in der Saison ehrlich und vielleicht auch mal schmerzhaft kommunizieren müssen. Außerdem ist mir aufgefallen, dass es einzelnen Führungsspielerinnen sehr wohl noch möglich war an das Team heranzukommen, während das uns Coaches sehr schwer gefallen ist. Es hat mir gezeigt wie irre wichtig diese die informellen Rollen im Team sind und ich diese schon in der Vorbereitung viel mehr stärken möchte. Es war toll zu sehen, wie insbesondere zwei Spielerinnen unseren “Struggle” erkannt und aufgefangen haben. Um sowas in Zukunft besser zu coachen, arbeiten wir in der U20 mittlerweile mit einem Sportpsychologen zusammen.

Katha und Caro posieren mit ihrem Coaching Equipment auf der EM in Breslau 2019.

Nach den schwierigen Zeiten kommt natürlich auch die Frage nach deinen Highlights als Coach. 

Jedes große Turnier war ein Highlight, ich liebe das einfach. Mir bleiben vor allem viele kleine Highlights als Nationaltrainerin im Sinn, z.B. die ersten Layouts von Spielerinnen oder eine wichtige Defense. Man sieht dann wie glücklich und stolz die Spielerinnen sind, auch diesen Moment auf der Bühne eines internationalen Turniers zu erleben, und das macht mich dann auch immer super glücklich und stolz. Zu sehen wie die Kids ihre Ziele erreichen gibt mir sehr viel. Meistens sind es Layouts, ich liebe Layouts, manchmal sind es auch Hucks.

Kannst du diese mit den Highlights als Spielerin vergleichen?

Ich würde sagen, es ist sehr ähnlich zu den Highlights als Spielerin. Die guten und schlechten Momente als Coach sind viel enger getaktet und das Erlebnis ist dadurch auch sehr intensiv. Als Spielerin hingegen kann man sich mehr in den Moment fallen lassen, während man als Coach immer noch weitere Dinge im Kopf hat. Beide Arten von Highlights treiben mich unfassbar an weiter zu machen.

Wir sind ja ein Frauen-Blog deshalbe die Frage: hast du Mixed- oder sogar Männer-Teams trainiert? Hat dich das vor besondere Herausforderungen gestellt?

Ich hab im Jugendbereich Open mit wenigen Mädchen gecoacht und das Anfänger:innenteam in meinem Wohnheim war auch gemischt. Bis jetzt hat mich das vor keine besonderen Herausforderungen gestellt, weil mir von beiden Geschlechtern immer viel Respekt entgegengebracht wurde und auch in den Teams alles sehr harmonisch war. Momentan coache ich sehr gerne Frauen, aber ich habe den Wunsch mal ein Mixed- oder Open-Team zu trainieren – nach meiner aktiven Karriere als Spielerin.

Warum möchtest du Mixed oder Open coachen?

Jede Division hat ihr eigenes Spielsystem und ihre eigenen soziale Herausforderungen. Ich finde das spannend. Dabei geht es mir nicht primär um das Geschlecht, sondern darum noch mehr Facetten unseres Sports zu erleben. 

Das ist wirklich eine beeindruckende Coaching-Vita. Was würdest du denjenigen mitgeben, die sich vielleicht noch fragen, ob Coaching etwas für sie ist? 

Traut euch, den ersten Schritt zu machen und dann immer einen Fuß vor den anderen. Ich hatte auch vor jedem Schritt meiner Coachingreise nach der Schul AG Zweifel. Der Satz, der mich nicht nur ermutigt hat, das erste Mal ein Nationalteam zu übernehmen, sondern auch danach noch oft motiviert hat kam von meinem Coach. Er meinte: “Caro, man wächst an seinen Herausforderungen” und das habe ich mir seither beim Coachen zu Herzen genommen. Eine weitere Sache, die mir geholfen hat, ist, dass ich immer Unterstützung hatte. Ich habe es nie alleine gemacht und sehe Coaching damit auch als eine Art Teamsport. Ich würde auch jedem und jeder raten sich Unterstützung zu suchen. Das hat mich mutig gemacht gemeinsam zu träumen, Sachen auszuprobieren und tolle Freundschaften mit meinen Co-Coaches entstehen lassen.

Danke für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg und spannende Coachingerlebnisse.

Katharina ist Mit-Initiatorin von Uplift Ultimate, U20 weiblich Nationalcoach und spielt seit vielen Jahren in Heidelberg und früher auch im Nationalteam Ultimate. Im letzten Jahr hat sie im Lockdown nicht nur angefangen erfolgreich Brot zu backen, sondern auch erfolgreich unter die Discgolferinnen zu gehen. Im echten Leben macht sie „irgendwas mit Medizintechnik-Software“ und jede weitere rasante Sportart draußen, die euch einfällt.

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