– von Maren Oberländer

Unsere Körperwahrnehmung beeinflusst unseren Selbstwert und in der Folge unser Verhalten. Gesellschaftliche Schönheitsideale begegnen uns tagtäglich auf der Straße, in den (sozialen) Medien und auch im Frisbeesport.

Wie entstehen Stereotype?

Ganz automatisch werden Schönheitsideale verinnerlicht, ob wir wollen oder nicht. Wir lernen also beispielsweise, welche Körperformen als schön gelten und welche nicht. Diese gelernten Verbindungen entwickeln sich mit der Zeit und Häufigkeit zu Stereotypen, auf die wir immer wieder zurückgreifen, um Entscheidungen zu treffen – insbesondere unter Stress und bei wenigen zusätzlichen Informationen. In unserem Alltag ist das durchaus nützlich. Durch einen ersten Blick auf das Äußere können wir bereits sehr viele Rückschlüsse über unser Gegenüber ziehen und beispielsweise das Alter, die Gesundheit, das Geschlecht, den sozialen Status und die Zugehörigkeit zu verschiedenen Gruppen einschätzen. Und sehr oft liegen wir mit dieser Einschätzung richtig, was das Stereotyp wiederum verstärkt. Solange das äußere Erscheinungsbild des Gegenübers die einzige Informationsquelle ist, die wir haben, greifen wir auf Stereotype zurück, um möglichst viele Schlussfolgerungen über das Verhalten dieser Person ziehen zu können. Trägt eine junge sportliche Frau zum Beispiel lässige Sneaker, knielange weite Sporthosen, eine Dufflebag auf dem Rücken und eine Frisbee-Scheibe in der anderen Hand, vermuten wir sofort, dass sie auf dem Weg zu einem Frisbee-Turnier ist. Und diese Schlussfolgerung wird sich häufig als wahr herausstellen.

Soziale Normen, wie Schönheitsideale, haben also konkrete Auswirkungen auf unsere Schlussfolgerungen und auch auf unser Verhalten. Dies ist jedoch nicht nur nützlich, sondern kann auch schnell problematisch werden, insbesondere, wenn wir den Normen nicht entsprechen (können). Die negativen Auswirkungen bei Abweichungen von dem gängigen Schönheitsideal erzeugen besonders bei Frauen und Mädchen einen hohen Leidensdruck. Häufig wird deshalb sehr viel Aufwand betrieben, um einem kaum erreichbaren, oft utopischen Schönheitsideal möglichst nahe zu kommen. 

Doch es gibt auch Ideen, wie wir – als einzelne und als gesamte Gesellschaft – dieser Problematik begegnen können. Zwei Konzepte mit dem Ziel einer positiveren Selbstwahrnehmung, will ich in diesem Beitrag vorstellen. Auch wenn deine Selbstwahrnehmung schon sehr positiv ist, hilft es dir vielleicht dabei, deine Mitspieler*innen besser zu verstehen. Anschließend nähern wir uns anhand von Beispielen der Frage, ob im Rahmen des Frisbeesports auch das Erstreben von Schöheitsidealen befördert wird. Am Ende ist es an jedem und jeder einzelnen, sich eine Meinung zu bilden und die sozialen Normen innerhalb der “Frisbeegemeinschaft” mitzugestalten.

Body Positivity

Ein Konzept, das dem Kreislauf aus negativen Gedanken über den eigenen Körper und einem geringen Selbstwertgefühl entgegen wirkt ist Body Positivity. Darin steckt der Gedanke, dass jede ihren und jeder seinen Körper lieben sollte, egal wie sehr (oder wenig) dieser dem gängigen Schönheitsideal entspricht. Der Grundgedanke dahinter – beispielsweise, dass Menschen jenseits der 30, mit etwas zu viel Speck auf den Rippen und Neurodermitis auch schön sind – ist grundsätzlich sehr positiv gemeint. Das Problem hierbei ist jedoch, dass ein unerreichbares Ziel (das des perfekten Körpers nach den gängigen Schönheitsvorstellungen) lediglich durch ein neues und für viele unerreichbares Ziel ersetzt wird. Es kann ganz schön viel Druck verursachen, jeden Pickel, jede Speckfalte und jeden Altersfleck an sich wirklich schön zu finden und richtig abzufeiern. Die Überzeugung, dass es essentiell notwendig ist sich selbst schön zu fühlen, um ein glückliches und erfülltes Leben zu leben, wird hierbei nicht in Frage gestellt. Ist es jedoch wirklich nicht möglich, Glück und Erfüllung im Leben zu finden, ohne sich mit dem Thema körperlicher Schönheit auseinanderzusetzen?

Body Neutrality

Das neuere Konzept der Body Neutrality basiert auf dem Grundgedanken, dem Bewerten des Aussehens des eigenen Körpers nicht so unnötig viel Aufmerksamkeit, Zeit und Mühe zu widmen. Stattdessen geht es darum, sich zu fragen, was der eigene Körper braucht um sich gut zu fühlen. Das kann zum Beispiel ein reichhaltiges Frühstück, eine ausführliche Joggingrunde im Wald, noch eine Stunde Schlaf, 50 Liegestütz oder ein riesiger Eisbecher mit Sahne und Schokostreuseln sein. Die Idee ist, den Fokus mehr auf die Funktionalität des eigenen Körpers und das Wohlfühlen zu lenken, ohne permanent das eigene Aussehen zu beurteilen. Je weniger wir damit beschäftigt sind, uns mit dem Abgleich des eigenen Aussehens mit Schönheitsidealen und den (vermeintlichen) Abweichungen davon zu befassen, desto mehr Zeit und Energie bleibt für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens. Body Neutrality heißt also, dass wir Sport machen, weil es sich gut anfühlt, weil wir uns bewegen und stärker werden wollen, nicht primär, weil wir fitter und schöner aussehen wollen. Die Motivation für Krafttraining könnte sein, danach Übungen und Bewegungen ausführen zu können, die man noch nie zuvor geschafft hat, wie beispielsweise 20 Liegestütz am Stück, unglaubliche 45 Minuten an der Wand sitzen oder den ersten Klimmzug. Frisbee-spezifische Anreize gibt es auch genügend: Arme, die Hucks über das ganze Feld werfen können, Beine, die uns jeden noch so weiten Huck ersprinten lassen und Rumpfmuskulatur, die alles zusammenhält. Für viele Frauen und Mädchen scheinen das immer noch ziemlich revolutionäre Gedanken zu sein. Suggerieren doch sämtliche Youtube-Workout-Videos und Sportstudio-Reklame viel zu häufig, dass der einzige Grund für Frauen überhaupt Sport zu treiben ein perfekt aussehender Körper mit knackigem Po, flachem Bauch und schlanken Beinen ist. Frisbee ist zum Glück eine andere Welt, da ist es egal wie man aussieht und alle sind willkommen… aber, entspricht das nur unserer Wunschvorstellung oder ist dem wirklich so?

Hosenlänge, wirklich nur eine Frage der Praktikabilität?

Immer größerer Beliebtheit im Ultimate Frisbee erfreut sich beispielsweise eine kürzere Hosenlänge. Es gibt sicher viele ästhetischen Gründe diese besser oder schlechter zu finden als die im Frisbeesport bisher üblichen längeren Shorts. Von der Perspektive des Body Neutrality-Konzeptes aus betrachtet, sollte das Aussehen bei der Entscheidung für den Schnitt eine untergeordnete Rolle spielen und stattdessen die Praktikabilität und das Wohlfühlen im Vordergrund stehen. Was fühlt sich gut an? Beispielsweise sind Schürfwunden an den Oberschenkeln durch Layouts beim Tragen kürzerer Hosen wahrscheinlicher, während längere Hosen die Bewegungsfreiheit bei tiefen Ausfallschritten oder im Vollsprint behindern können. Wichtig ist jedoch insbesondere, Unterschiede in Körperformen und persönliche Präferenzen der Athletinnen und Athleten zu berücksichtigen, ohne diese zu beurteilen. Lookfly bietet beispielsweise die Auswahl zwischen zwei verschiedenen Schnitten mit unterschiedlicher Beinlänge an. Dies bietet die Möglichkeit, dass die Einheitlichkeit durch ein gleiches Design der Team-Uniform gegeben ist, während sich jede Spielerin nach ihren persönlichen Präferenzen und Bedürfnissen für den passenden Schnitt entscheiden kann. 

Mixed-Spaßturnier: Gemeinsam zocken, gemeinsam Duschen – alles easy?

Im Frisbeesport sehr weit verbreitet ist das gemeinsame Duschen. Wird auf dem Platz zusammen gespielt, wird auch als Team gemeinsam geduscht. Das habe ich bereits auf so vielen Spaß- und Meisterschaftsturnieren erlebt, dass mir in der deutschsprachigen Frisbee Community wahrscheinlich niemand widersprechen würde, wenn ich behaupte, dass dies eine der ungeschriebenen Regeln im Ultimate Frisbee ist. Oft wird das gemeinschaftliche Duschen gegen kritische Stimmen von außen euphorisch verteidigt. Dafür gibt es durchaus gute Argumente. Das gemeinsame Feiern von Erfolgen, Verarbeiten von Niederlagen oder die Vorbereitung auf die Party am Abend startet häufig mit dem gesamten Team bei einem Duschsekt oder -bier. Das Beisammensein nach einem anstrengenden Turniertag stärkt das Teamgefühl. Im Hinblick auf die Körperwahrnehmung kann es außerdem positiv sein, die vielen unzensierten nackten Körper der Mitspieler*innen zu sehen. Dies schafft wahrscheinlich ein realistischeres Bild davon, wie unterschiedlich (sportliche) Körper aussehen können als üblicherweise in Hochglanzmagazinen, Filmen und Serien oder auf Insta vermittelt wird. Was ist also das Problem? Auch wenn es für viele Frisbee-Spieler*innen kein Problem darstellt, da sie sich wohl in ihren Körpern fühlen, kann es für manche nicht nur eine große Überwindung, sondern auch wirklich schlimm sein, ihre Körper vor so vielen anderen zur Schau zu stellen. Häufig gibt es keine gute Möglichkeit, dem Gemeinschaftsduschen zu entkommen, meistens erfolgt auch keine Vorwarnung für die Neuen im Team. Eine Lösung dieses Dilemmas wäre sicherlich, wenn wir alle das Body Neutrality-Konzept verinnerlicht hätten und unsere eigenen Körper sowie die der anderen nach der Funktionalität und dem Wohlfühlfaktor der Inhaber*innen, statt nach dem Aussehen bewerten würden. Da dies bisher im Frisbeesport nicht die soziale Norm ist, können wir damit beginnen unser eigenes Verhalten zu hinterfragen. Wer hat noch nie einen wertenden Kommentar über das Aussehen anderer oder des eigenen Körpers gehört oder gemacht? Weder über die verschiedenen Arten der Körperbehaarung, die Form der Brüste, die Haarfarbe, die Länge der Beine, die Größe des Bizeps noch sonstige Körperteile? Grundsätzlich ist nichts dagegen einzuwenden, gemeinsam zu duschen. Allerdings ist es notwendig, die Bedürfnisse aller Mitspieler*innen zu berücksichtigen und denjenigen, die sich nicht wohl damit fühlen, ihren nackten Körper vor allen zu zeigen, die Möglichkeit zu geben, sich an einen sicheren Ort zurückziehen zu können ohne sich dafür rechtfertigen oder erklären zu müssen. 

Frisbee ist nicht frei von Stereotypen

Das waren nur zwei Beispiele, die verdeutlichen sollen, dass wir eben auch in der “Frisbeegemeinschaft” nicht frei von den Stereotypen sind. Obwohl es uns natürlich hilft, uns im Alltag schneller zurecht zu finden, lohnt es sich auch, solche Stereotype ab und an zu hinterfragen. Warum will ich eigentlich schlanke Beine und glänzende Haare haben? Ist es mir wirklich so wichtig, einen flachen Bauch und einen knackigen Po zu haben, um dafür so viel Aufwand zu betreiben? Liege ich mit meinen Annahmen und Zuschreibungen über andere vielleicht auch mal falsch? Welche Chancen sind mir dadurch entgangen? 

Fazit

Es konnte wissenschaftlich gezeigt werden, dass insbesondere jugendliche Mädchen in ihrem Verhalten und ihren Entscheidungen stark durch Schönheitsideale beeinflusst werden. Neben wirklich drastischen Auswirkungen wie Essstörungen und Depressionen, führt ein negatives (Körper-)Selbstbild unter anderem auch dazu, dass junge Mädchen sich weniger sportlich betätigen. Und das finde ich persönlich schon sehr schade. Für starkes Frauenultimate im deutschsprachigen Raum und letztendlich auch für erfolgreiches Mixed Ultimate, brauchen wir insbesondere auch den weiblichen Nachwuchs. Wäre es nicht schön, wenn wir gemeinsam (noch mehr) zu einer leistungsstärkeren Frisbeegemeinschaft werden, in der sich alle wohl fühlen können?

Zum Weiterlesen:

Über die Autorin

Maren hat ihr erstes Training im Auslandssemester im stürmisch-windigen waliser Herbstwetter in Swansea absolviert. Wieder in Deutschland fand sie ihr Heimteam in den Heidees, mit denen sie mit Abstechern nach Kanada (Ottawa) und Franken (FT Würzburg) seither spielt. Wenn die Stollenschuhe gerade aus sind, promoviert sie in Psychologie zu arbeitsrelevanten Kompetenzen und verfolgt ihr berufliches Ziel, Arbeit besser zu gestalten oder gießt die besten Heidelberger Balkon-Tomaten. 

 

Vielleicht gefällt dir auch das:

1 Kommentar

  1. Voll gut, dass ihr das Thema aufgreift! Danke, Maren! 👏 Seinen ganzen Körper ständig selbst zu lieben ist u.U. fast unmöglich und kann ganz schön anstrengend sein. Gut, dass du Body Neutrality auch vorgestellt hast! Und trotzdem: auch das kann ganz schön schwer sein 😬, da Schamgefühle (ob des eigenen Körpers) ja oft ziemlich tief sitzen… und das Traurige ist irgendwie, viele der betreffenden Frauen* lassen sich nichts/nur wenig anmerken oder sind Meisterinnen im Verstecken ihrer Schamgefühle, ihrer evtl. Essstörung oder sonstiger Folgeprobleme. Oft bleibt all das sogar innerhalb eines (Frauen-)Frisbeeteams verborgen. Vielleicht hilft euer Blog/dieser Artikel um Tabuthemen wie dieses präsenter zu machen! 💪💥

    Folgender Punkt (bezogen auf das mixed Duschen auf Turnieren) ist mir auch noch mega wichtig:
    für manche Frauen* kann es aufgrund (sexueller) Traumata eine echte Herausforderung sein, „gemeinsam“ mit Männern duschen zu müssen ☝️(Ekel, Triggerpunkte, Scham uvm. …) Das sollte man nicht unterschätzen und betrifft oft mehr Frauen* als man denkt. Aufgrund meist fehlender Alternative und weil die Spielerin nicht als uncoole Spaßverderberin da stehen möchte, bleibt oft nur das „sich dem Ganzen aussetzen“ ⚡️

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.