*das Beitragsbild ist ein Screenshot von Twitter. (Hier gehts zum Tweet.) Corey Cogdell-Unrein hat ihre zweite olympische Bronzemedaille gewonnen, aber der Chicago Tribune dachte wohl, dass der Name nicht so wichtig sei, sie ist ja schließlich jemandes Ehefrau…

– von Caroline Tisson

Folgt man der Argumentation des Soziologen und Systemtheoretiker Niklas Luhmann, dann ist die Hauptfunktion der Medien die Selbstbeobachtung der Gesellschaft anzuleiten. Diese Selbstbeobachtung forme dann die Basis der Kommunikation: ein gemeinsames Konstrukt unserer Realität.

Warum die Medien auch für unseren Sport relevant sind

Doch halten uns die Medien immer einen Präzisionsspiegel vor oder landen wir manchmal eher im Spiegelkabinett? In der genderbezogenen Sportberichterstattung ist eher zweiteres der Fall. Obwohl die Anzahl professioneller Sportlerinnen seit Jahrzehnten steigt, so ist die Berichterstattung in ihrem Umfang und Inhalt weiterhin stark unausgeglichen. Dies wird in der Forschung auch als “gender gap” bezeichnet. Dass dieses Phänomen gerade in der alltäglichen Berichterstattung groß ist, zeigt eine Studie aus Deutschland in der die Zeitungen FAZ, FR, Welt und BILD untersucht wurden: Unter 10% der Sportberichte waren über Frauensport. Im internationalen Vergleich von 80 Zeitungen aus 22 Ländern konnte eine andere Forschungsgruppe ähnliche Verhaltnisse finden.

Nicht nur die Häufigkeit der Berichterstattung über Athletinnen, sondern auch der Inhalt unterscheiden sich von den Beiträgen über männliche Sportler. In einer großen Studie über fünf olympische Spiele (2000-2016) wurden alle olympiabezogenen Beiträge der FAZ und BILD analysiert. Das Team um die Sport- und Gendersoziologin Ilse Hartmann-Tews von der Deutschen Sporthochschule fand heraus, dass Athleten viel öfter als Athletinnen in der Kategorie “sport in action” abgebildet wurden. Dafür wurde bei Athletinnen öfter Bildmaterial aus den Kategorien “sport context” (z.B. bei einer Siegerehrung oder beim Pressetermin) und “no sport reference” (z.B. mit Lebenspartner*in, im Alltag oder auf Modefotos) gezeigt.

Quelle: https://twitter.com/99douw/status/773181817218359296

Warum auch die Art der Darstellung von Athletinnen nicht egal ist, wird klar wenn man eine konstruktivistische Perspektive einnimmt. Vereinfacht gesagt geht man in der Soziologie davon aus, dass ein Großteil unserer gesellschaftlichen Ordnung ein soziales Konstrukt ist, auch das soziale Geschlecht (gender). Während “sex” als ein genetisches (aber auch heiß debattiertes) Merkmal verstanden wird, verbindet man mit “gender” erlerntes Verhalten und Haltungen von Personen, denen ein biologisches Geschlecht zugeschrieben wird. Mit dem sozialen Geschlecht werden auch viele Rollenbilder, Stereotype und Erwartungen transportiert. Wenn “gender” ein soziales Konstrukt ist, dann tragen die Medien dazu bei, wie wir Geschlechterrollen konstruieren und definieren. Dadurch werden auch bewusste oder unbewusste Erwartungen konstruiert, die wir an an Personen haben, denen wir ein biologisches Geschlecht zuordnen.

Schlüsselelemente der geschlechtsbezogenen Berichterstattung

Die Neuseeländerin Toni Bruce identifiziert in ihrem Paper “Reflections on Communication and Sport: On Women and Femininities” 7 Muster in der medialen Berichterstattung, die dem Frauensport eher schaden als nützen. Muster, die dazu beitragen, alte Rollenbilder und Stereotype aufrechtzuerhalten:

Klassischerweise werden die Formate in denen Frauen antreten immer mit einem Zusatz versehen, der darauf hinweist. Es gibt einen FIFA World Cup und einen FIFA Womens’ World Cup. Damit wird eine Hierarchie geschaffen und das Turnier der Männer zur Norm gemacht, während das Turnier der Frauen wie ein Spin-Off des eigentlichen Events benannt wird.

Frauen, die in heteronormative Standards – also in unser “Mann-liebt-Frau”- Förmchen – passen , werden bevorzugt in den Medien präsentiert. So wird das Abbild von Athletinnen durch die Medien verzerrt.

Physische und emotionale Merkmale, in denen sich Frauen (vermeintlich) von Männern unterscheiden werden besonders hervorgehoben. Das sind zum Beispiel Hinweise auf die geringe Körpergröße, besondere Empathie gegenüber anderen Athletinnen oder physische und emotionale Fragilität.

Sportlerinnen werden als Mädchen, Ladys oder “girls” betitelt – selbst wenn sie schon weit in ihren 30ern sind. Auch Spitznamen sind beliebt und über sie wird viel häufiger mit ihrem Vornamen gesprochen als dies bei Männern der Fall ist. Dies lässt sich erklären, da die erwachsene, starke, erfolgreiche Frau eher als Bedrohung wahrgenommen wird.

Durch Verweise auf das Privatleben, die Personalität, das Aussehen oder auch Vergleiche zu männlichen Sportlern wird suggeriert, dass der Sport nur ein zweitrangiger oder untergeordneter Aspekt der Frau ist. Dies kann den Anschein erwecken, dass Frauen es “gar nicht ernst meinen” oder sich nicht 100% auf ihren Sport committen.

Diskussionen über idealisierte sexuelle Attraktivität und Abbildungen von Sportlerinnen in Werbe- und Männerzeitschriften begleiten oft die Berichterstattung. Besonders kritisiert wird hier, dass die wenigsten Athletinnen die Kontrolle darüber haben, ob ihre Bilder sexualisiert werden.

Einen ausführlicheren Artikel dazu gibt es hier.

Diese Praxis stammt noch aus einer Zeit in der Sportlichkeit und Weiblichkeit zwei weit entfernte Planeten waren. Ambivalenz meint hier, dass ein Bericht oder Satz einerseits ein wertschätzendes Statement über Athletinnen enthält, welches gleich darauf untergraben oder trivialisiert wird. Eine weitere Form ist die Ambivalenz zwischen visueller und auditiver Berichterstattung, wenn zum Beispiel die Siegerin des New York Marathons beim Zieleinlauf gefilmt wird, die Kommentatoren aber gleichzeitig lieber über den drittplatzierten Mann reden.

Die Fußball WM der Männer ist einfach "die normale WM", nichts weißt auf die Division hin.
Die Fußball WM der Frauen ist das "andere", das Gender ist ein Label für das Event.

Obwohl gerne anekdotische Belege angeführt werden, dass eine oder mehrere dieser Muster auch bei Berichten über Männer angewendet werden, so finden sich in der Forschung solide Belege dafür, dass sich diese Muster nur im Frauensport und in der Berichterstattung über Frauen systematisch wiederfinden.

 

Unsere Community hat Potential es besser zu machen! 

 

Im Ultimate kennen wir viele dieser Probleme noch nicht im großen Stil: Unsere Events sind für jede Division genau benannt, ein Großteil der Community gibt sich viel Mühe Diversität zu fördern und die Akzeptanz und Unterstützung der Frauen im Ultimate wächst gerade im Elite Bereich stetig. Das spiegelt sich auch in unserer Berichterstattung wieder. Ich denke, dass liegt auch daran, dass wir unsere Berichterstattung noch fast vollständig in eigener Hand haben. Aber dort wo dieses Verhältnis sich verschiebt, wie zum Beispiel in der AUDL – eine professionalisierte Liga in den USA, die von ESPN produziert und gestreamt wird – sehen wir, dass Diskussionen auftauchen, die uns irgendwie bekannt vorkommen. Warum wird eine Männerliga gefeatured? Warum nicht Mixed? 

 

Auch wenn wir, als hauptsächlich “community-driven” Sport, viele dieser Probleme noch nicht haben, so muss uns bewusst sein, wie wir uns von der klassischen Berichterstattung abheben, wo wir ihr folgen wollen, wo wir andere Wege gehen. Alle Ultimate Spieler*Innen sollten klare Stellung beziehen und in zukünftiger “sportfremder” Berichterstattung aufmerksam sein um diese Fallen zu umgehen.

 

In der Annahme, dass uns allen daran gelegen ist unsere Community diverser, bunter und auch weiblicher zu machen, führe ich noch eine letzte Studie an: Die Beste Werbung dafür ein Sportevent anzuschauen, zu besuchen oder darüber zu lesen ist die athletische Leistung – egal ob bei Männern oder bei Frauen. Gerade junge Frauen werden von soft-pornographischen Darstellungen von Sportlerinnen eher abgeschreckt als motiviert sich mit der Sportart zu beschäftigen. Aber gerade junge Frauen sind es doch, denen wir mit offenen Armen begegnen wollen um ihnen zu zeigen was sie alles werden können im Ultimate. 

Caroline findet Ultimate ziemlich super, lässt sich aber eigentlich für fast alles begeistern. Ihr Heimatteam ist seit 5 Jahren UdeCologne, etwas länger schon ist sie auch als Coach bei den Deutschen Juniorinnen unterwegs. In ihrem Master „International Sport Development and Politics“ hat sie unter anderem gelernt, dass wir viel zu cool für Olympia sind.

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3 Kommentare

  1. Hey, in dem Beitrag steht, Corey Cogdell-Unrein hätte ihre zweite Goldmedaille gewonnen, in dem Twitterpost steht allerdings es sei Bronze. Ist für den sehr guten Artikel hier natürlich nicht so wichtig (die Aussagen bleiben die gleichen), aber ich frage mich trotzdem, was denn nun stimmt.

    1. Hallo Maren,
      es war die im Tweet erwähnte zweite Bronzemedaille – immer noch eine herausragende Leistung. Das muss ich mit ihrem Goldmedaillenerfolg ein Jahr später bei der Weltmeisterschaft durcheinander geworfen haben. Ich habe die entsprechende Stelle im Artikel korrigiert, danke für den Hinweis!

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