von Katharina Aschenbrenner

Vor allem im Mixed Ultimate aber auch im Frauen Ultimate ist es üblich mit wenig Spielerinnen an den Start zu gehen. Das führt dazu, dass diese Frauen meist unbewusst, manchmal bewusst, in einen 80% Prozent Modus schalten, um das Turnier durchzuhalten. Wenn wir nicht mal im Wettkampf 100% abrufen, könnt ihr euch vorstellen, was das für unser Training bedeutet: wir rufen nie 100% ab und verlernen es – Durchhalten statt Dominieren.

 

“Wenn wir nur genug Frauen hätten” Nationalteams haben dieses Problem ja normalerweise nicht – Foto: Vitor Vieira

Dieser Energiesparmodus hat weitreichende Konsequenzen für:

  1. deine Athletik und dein mental Game: Wir lernen nicht auf 100% Geschwindigkeit, auf 100% Biss und in den 100% Wettkampfmodus zu kommen.
  2. deine Rolle im Team: Um Frauen zu schonen, stellen wir Männer auf den “Primary Cut”, in die “Iso”. Was ja im Moment hilfreich gemeint sein will, macht Männer zu Führungsspielern und lässt uns keine Chance gleichermaßen in diese Rollen hineinzuwachsen.
  3. das Frauenbild in der Community: Die Defence hat womöglich das gleiche Problem. Wir können uns gegenseitig nicht pushen, steigern uns kaum. Wir bringen weniger krasse Aktionen, haben weniger Scheiben, strahlen weniger Selbstbewusstsein aus. Das lässt uns sicherlich nicht als bessere Athletinnen wirken.
  4. wir verlieren Mitspielerinnen: Nicht alle Frauen spielen aus dem gleichen Grund. Es gibt eine Bandbreite von Motivationen: Sich messen, Freude an Bewegung, Liebe zum Spiel (aber alt und kaputt sein), sich fit halten, mit netten Leuten abhängen, gerne draußen sein und, ja, durchhalten, sich quälen, auspowern (ich nenne sie mal Savage-Loverinnen). Alle, die nicht zu letzten Gruppe gehören, hängt die Durchhalte-Mentalität ab, im schlimmsten Fall verlieren wir sie als Mitspielerinnen. 
  5. deine Gesundheit: selbst wenn dein Team dich nicht expliziert verletzt aufs Feld schicken würde: wirst du zugeben, dass dein Oberschenkel bedenklich zwickt, wenn es nur noch zwei Subs gibt? Auch deine mentale und emotionale Gesundheit wird in solchen Zwickmühlen riskiert.
  6. deine Stimme – deine Macht :D: Wer schonmal versucht hat erschöpft zwischen zwei Punkten Lines anzusagen, die Defence umzustellen oder jemandem Feedback zu geben, der weiß, dass das nicht gut funktioniert. Also lassen wir  es sein und  klauen uns selbst Führungsrollen, die wir verdient haben.

Dass man in den Durchhaltemodus kommt, merkt man oft schon, bevor das alles eintritt. Typische Gedanken sind: „Ich lass mal den Mann cutten”, „Ich MUSS wieder drauf”, „Hoffentlich fällt der Punkt”, „Juhu, die langsame Gegenspielerin”.

Die gute Nachricht ist: Es gibt eine Möglichkeit das alles zu verhindern und Frauen zu ermöglichen genauso zu dominieren wie die Männer: diesen Cut, diesen Catch, dieses Spiel, als Primary, als Coach, das Spiel zu genießen, mit dem Team abzuhängen – you name it!

AUSWECHSELSPIELERINNEN – SUBS!  Ein guter Richtwert ist: 

Minimum: 2 Lines + 1

für jedes Gender und jedes Event. Das macht bei  Mixed Outdoor 8 Frauen (2*3,5 + 1), bei Mixed Indoor 6 Frauen (2*2,5 +1), bei Frauen Outdoor 15 Spielerinnen (2*7 + 1), bei Frauen Indoor 11 Spielerinnen (2*5 + 1) und bei Loose-mixed (1 Frau auf der Linie) 3 Frauen (2*1 + 1). Ja genau, auch bei Loose-Mixed! Warum sollten wir nicht schon auf Fun-Turnieren, wo viele ihre Spielpraxis sammeln, lernen zu dominieren und dabei Spaß haben.

 

Ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis, so macht das Spielen Spaß – Foto: Oliver Hüllshort

Kommt euch das zu viel vor? Ich denke, es ist unerlässlich mit dieser Anzahl an Spielerinnen an den Start zu gehen, um den Bedürfnissen der Mehrheit gerecht zu werden. Wenn ich als Coach irgendwo um den Sieg mitspielen will, lege ich sogar noch was drauf (20+ Outdoor). Natürlich haben das andere auch schon erkannt: Bei USAU (dem US-amerikanischen Ultimate-Verband) muss man zum Beispiel mindestens 18 Spielerinnen melden, aber die Roster sind weit größer. Ja, es gibt immer Teams, die mit weniger Spielerinnen tolle Ergebnisse erzielen, aber keiner erfährt, zu welchem Preis.

Für Savage-Lovers hört sich das natürlich blöd an. Aber vielleicht lohnt es sich mal zu fragen, wer sich überhaupt so einschätzt und wer eigentlich gerne Pausen hat. Vielleicht lohnt es sich auch mal auszuprobieren, ob auch eine Savage-Loverin mit weniger Spielzeit neue Höchstleistungen in sich entdeckt. Alles Geschriebene gibt natürlich gleichermaßen für Männer.

Die Verantwortung dafür diese x2+1 Regel einzuhalten liegt bei uns allen, aber ganz besonders bei jedem Coach, jedem Kaptain, jeder Kapitänin, jeder Führungsspielerin und jedem Führungsspieler. Nur wenn bei beiden Geschlechtern ein Bewusstsein für das Problem entsteht, kommen wir weiter. 

Zu guter Letzt, bitte, liebe Frisbeespielerinnen, macht nicht den Fehler Ausreden zu nutzen wie:  “die Jungs können ja nichts dafür, dass es so wenig Frauen gibt, wäre ja schade, wenn die nicht spielen können”. Nein, ihr seid EIN Team und ihr könnt von Mitspieler*innen jeden Geschlechts erwarten, dass es  in ihrem Interesse ist, dass ihr euch nicht kaputt spielt, weder physisch noch psychisch. Das ist fair. Vermeidet es nicht, unbequem zu sein, macht Umstände, seid ein Team und nehmt jeden und jede in die Verantwortung dafür zu sorgen, dass es allen gut geht! Als positiven Begleiteffekt werden so alle für die Rekrutierung von mehr Frauen verantwortlich.

Nachwort: Dieser Artikel ist inspiriert, wenn nicht geklaut, von der wundervollen Geoa Geer. Und sicher geht es mir genauso wie Geoa, ich habe das Mastersalter erreicht und eine stolze Verletzungshistorie. Dennoch sprach ihr Artikel vielen Ultimate Athletinnen, mit denen ich ihn teilte, aus der Seele, und ich hoffe er hilft euch auch zu reflektieren und zu dominieren :D! Ideen, wie sich die x2 + 1 Regel im Training umsetzen lässt, um schon im Domination Modus zu trainieren, gibt es in Geoas Artikel. https://medium.com/@SunlightG/starvation-vs-domination-getting-subs-in-ultimate-5bda0a91424c,

Katharina Aschenbrenner ist Trainerin des U20 Frauen Nationalteams und im DFV-Lehrteam. Als U17 Trainerin hat sie zwei Europameistertitel gewonnen. In Stollenschuhen und barfuß vertrat sie Deutschland immer mal wieder im Frauennationalteam. In ihrem Heimteam, den Heidees (Heidelbärchen, TV Eppelheim), ist sie Spielertrainerin und konnte neben deutschen Vizemeistertiteln an weiteren internationalen Titelkämpfen teilnehmen. Ansonsten mag sie alles mit Draußen und Sport – Biken, Klettern, Wintersport und neuerdings Brot. Im echten Leben macht sie was mit Medizintechnik-Software und hat das Start-Up “implacit” gegründet.

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3 Kommentare

  1. Guter Artikel!

    Leider haben noch immer viele Teams und auch SpielerInnen das Gefühl, dass man für Real-Mixed-Turniere weniger Frauen als Männer braucht.

    Vielleicht liegt das an der nachhaltig eingeprägten „Durchhalte“-Intensität, wodurch zu Recht das Gefühl besteht, nicht mehr Subs zu brauchen?

  2. Vielen Dank für diesen Beitrag! Ich bin zwar keine Ultimaterin, sondern Discgolferin, kenne aber dieses Phänomen aus meiner Basketballzeit im Hochschulsport, z.B. bei Spaßturnieren wie dem Hochschulsommerfest. Es tritt sicherlich auch bei weiteren Teamsportarten auf. Als einzige Frau im Mixed Team ohne Pause durchzuspielen ist nicht nur ein Dämpfer für ihr Game und birgt Verletzungsgefahr, es verschärft auch den Leistungsdruck, den frau ohnehin verspürt, weil sie mehr „beweisen muss“. Diesen Druck, der für viele Frauen bereits eine Hemmschwelle darstellt, überhaupt in einen wettbewerbsbasierten Sport einzusteigen.
    Sich das überhaupt mal bewusst zu machen, ist ein wichtiger Schritt. Toll, dass hier auch gleich ein Lösungsvorschlag formuliert wird. Mit diesem Blog wird schon mal ein guter Beitrag dazu geleistet, Frauen im Frisbeesport sichtbarer zu machen und somit hoffentlich noch mehr Frauen zu motivieren!

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