– von Yannicka Kappelmann

Frisbee ist eine Sportart, die sehr verletzungsanfällig ist. Manche Spieler*innen bleiben davon eher verschont, andere befinden sich in der Spirale und springen von einer Verletzung in die Nächste. Dabei sehe ich einen Großteil an Spieler*innen, ganz egal welchen Alters, Erfahrungstands und Leistungslevel, die sehr fahrlässig mit ihren Verletzungen und Schmerzen umgehen. Verletzungen werden nicht ernst genommen, nicht auskuriert oder falsch behandelt – teilweise auch weil die Betroffenen falsch beraten werden, es nicht besser wissen oder nicht im Training und/oder bei Turnieren ausfallen wollen. Daraus resultiert, dass Verletzungen häufig viel länger dauern und es führt nicht selten dazu, dass dann im Endeffekt eine gesamte Saison ausgesetzt werden muss, weil die Schmerzen/Verletzungen chronisch geworden sind. Teilweise wird als Folge der Aufbau im Winter verkürzt oder weggelassen, weil diese Zeit genutzt wird, um sich zu schonen. Das führt dann wiederum zu neuen oder alt aufflammenden Verletzungen, weil der Körper nicht richtig auf die kommende Belastung vorbereitet wurde.
Die folgenden Punkte gelten in meinen Augen für alle Spieler*innen, ganz egal, ob sie mit einem Plan und auf ein großes Ziel hintrainieren oder Ultimate Frisbee als Freizeit- und Breitensport betreiben: du solltest immer den Anspruch auf einen gesunden Körper haben!

Hier würde ich gerne auf jeden dieser Punkte kurz eingehen.

Verletzungen und Schmerzen immer ernst nehmen!

Verletzungen und Schmerzen sind die Reaktion des Körpers einem zu sagen, dass etwas nicht stimmt. Teilweise ist es, weil der Körper überlastet ist und eine Pause braucht, aber häufig ist etwas Ernsthafteres dahinter. Deshalb gilt es in erster Linie zu gucken, wo die Schmerzen sind, woher sie kommen, ob ich diese Schmerzen kenne und dann gegebenenfalls einen geeigneten Arzt aufzusuchen.

Nach dem Turniertag schmerzen die Knie: Kühlen zur Regeneration tut gut. Doch wenn trotz Regenerationsmaßnahmen immer wieder Schmerzen auftreten, solltest du zum Arzt gehen, denn dein Körper scheint der Belastung noch nicht gewachsen zu sein.

Hierbei spreche ich auch bereits von einem Zwicken in der Leiste oder Wade, häufig reichen ein paar Tage Pause und gute Regeneration mit Dehnen, lockerem Fahrradfahren, Rollen, warmen Bädern…. Sobald aber das Ganze nach kurzer Zeit (vielleicht eine Woche) nicht besser ist, ist es angebracht einen Physiotherapeuten/eine Physiotherapeutin und/oder Arzt/Ärztin aufzusuchen. Hier kommen wir zum nächsten wichtigen und völlig unterschätzten Punkt.

Zum richten Arzt gehen!

Ich kann nur jedem Raten sich einen guten Physiotherapeuten/eine gute Physiotherapeutin zu suchen und diese/n anzusprechen, da diese meist bereits eine gute Einschätzung abgeben können. Auch Arzt ist nicht gleich Arzt, das ist mir über die Jahre sehr bewusst geworden. Die meisten Hausärzt*innen (außer es sind Sportärzt*innen) sind nicht geeignet sich Sportverletzungen/-Schmerzen anzugucken und diese zu behandeln. Um Hilfe und die richtige Behandlung zu bekommen, rate ich einen Orthopäd*in oder ähnliches zu suchen. Im besten fall jemanden, der regelmäßig mit Sportler*innen arbeitet.

Macht euch bewusst, dass ihr Sportler*innen seid und es gibt immer zwei Möglichkeiten wie ein Arzt/Ärztin handelt – Abwarten und Teetrinken oder Handeln und loslegen. Wir wollen (meistens) definitiv das Zweite. Natürlich kommt es immer auf die Art von Verletzung an. Aber stellt euch vor, und das haben vielleicht schon viele erlebt, strikte Ruhe und Sportverbot verschrieben zu bekommen, weil man mal abwarten will, ob es besser wird. Zwei Monate später wird dann Physiotherapie verschrieben und nach 2 Sitzungen ist man schmerzfrei? Dann hat man zwei Monate vergeudet. Also wichtig: Eine gute Ärztin bzw. ein guter Arzt und auch gute/r Physiotherapeut*in. Ihr braucht einen Physio der euch fordert und bestenfalls regelmäßig mit Sportler*innen arbeitet. Seid dort auch vehement, wenn ihr das Gefühl habt ihr werdet nicht gut behandelt oder seht keine Fortschritte, dann wechselt zu einem anderen Arzt oder Physio!

Noch ein wichtiger Punkt, der mir über die Jahre bewusst geworden ist: Geht nicht zum Arzt und sagt: «Mir tut das ein bisschen weh». Dann wird dieser mit 90%-er Wahrscheinlichkeit sagen: „Mal abwarten und in 2 Wochen nochmal wiederkommen, wenn es nicht besser wird.“. Sagt: „Ich bin SportlerIn, ich habe diese Schmerzen seit dann, in diesem Umfang, etc. Ich will so schnell wie möglich wieder ins Training einsteigen können, weil ich folgendes Ziel habe…“. Legt euch vorher genau zurecht was ihr sagen möchtet, schreibt euch auf, was euch wichtig ist und geht nicht unvorbereitet zum Arzt, denn ihr wollt, dass euer Anliegen ernst genommen wird. Ist die Antwort dann immer noch „abwarten“ und sonst nichts, erkundigt euch gezielt nach anderen Möglichkeiten, wie beispielsweise Physiotherapie, Osteopathie, Wärme-/Strombehandlungen, was ihr selber aktiv tun könnt, etc. Hinterfragt Therapien, Anwendungen und Medikamente kritisch, setzt euch damit auseinander und informiert euch, was bei eurer Verletzung helfen könnte. In der Regel wollt ihr der Ursache eurer Verletzung/euren Schmerzen auf den Grund gehen und diese behandeln und nicht nur die Symptome und Schmerzen unterdrücken. Ich empfehle deshalb gerade bei Selbstmedikation vorsichtig zu sein.

Kleine Verletzungen und Wehwehchen können zu großen werden, manchmal ist es auch einfach Pech. Fußgelenke und Knie sind klassische Baustellen bei Frisbeespieler*innen. Mit einem guten Aufbautraining könnt ihr das Risiko euch zu verletzen zumindest minimieren.

Euer Körper ist euer Kapital

Im Sport ganz besonders: Ihr könnt nur gut spielen, wenn der Körper richtig funktioniert und gut trainiert ist. Immer wieder höre ich von SpielerInnen die mir sagen, ach das tut ein wenig weh, aber das stört mich nicht. Doch tut es – vielleicht nicht bewusst, aber unbewusst ganz bestimmt. Der Körper ist nur zu 100% leistungsfähig, wenn er keine Einschränkungen hat. Also nehmt alles ernst, was mit euerm Körper zu tun habt, lernt euern Körper kennen, wisst was er braucht und wie er auf was reagiert – nur so könnt ihr ihn optimal pflegen und behandeln. Das fängt bereits bei einem guten Aufbautraining an und endet bei einer guten Regeneration und Ernährung. Aber macht euch auch bewusst, dass einige Verletzungen einfach länger brauchen und mehr Regeneration erfordern als andere – gebt euerm Körper diese Zeit! Dies gilt für alle Leistungslevel und auch alle Motivationen Ultimate zu spielen. Jeder Körper braucht eine gewisse Vorbereitung, um der Belastung im Frisbee gerecht zu werden. Leistungssportler*innen etwas gezielter und mehr als Freizeit- und Breitensportler*innen.

Deshalb mein Appell an euch – lasst euch von niemandem einfach abspeisen, wenn ihr das Gefühl habt etwas ist nicht gut, bleibt dran, hakt nach und geht die Probleme an. Aus Abwarten und Teetrinken ist noch nie ein guter Sportler oder eine gute Sportlerin hervorgegangen.

Warum ich das weiß? – Meine Erfahrungen mit Verletzungen

Als ich mir das Kreuzband gerissen habe, bin ich direkt zu einem Arzt, habe dort gesagt ich sei Leistungssportlerin (ja ein wenig übertreiben ist aber durchaus erlaubt) und muss bald wieder auf dem Feld für die EUCF stehen. Der Arzt meinte damals er glaubt nicht, dass irgendwas Schlimmes mit dem Knie sei, wolle aber zur Sicherheit ein MRT machen – gesagt getan. Diagnose Kreuzbandriss. Für mich ist natürlich eine Welt zusammengebrochen, aber gleichzeitig sagte mein Arzt zu mir, dass ich mit einer Schiene spielen könnte (natürlich auf eigenes Risiko) solange ich stabil sei und bis zum Turnier gutes Aufbautraining machen würde. Dies ist absolut nicht selbstverständlich und war nur machbar, da ich u.a ein sehr stabiles und gutes Muskelkorsett mitgebracht habe und lediglich mein Kreuzband gerissen war und andere Strukturen im Knie voll funktionsfähig waren. Einen OP Termin habe ich mir in den Oktober nach dem Turnier gelegt und bis dahin gut auftrainiert und ich hätte es selbst nicht gedacht, aber ich konnte spielen. Mir ist ausserdem bewusst gewesen, dass ich mir beim Spielen ohne Kreuzband noch andere Strukturen im Knie hätte kaputt machen können, dieses Risiko habe ich aber auf mich genommen – jede*r Spieler*in in dieser Situation muss das selber sehr gewissenhaft abwägen! Anfang Oktober habe ich dann die OP gehabt und bin direkt im Anschluss mit der Physiotherapie gestartet. Bei der Operation hat sich nochmal bestätigt, dass nur mein vorderes Kreuzband gerissen und nicht der Meniskus oder die Innenbänder lädiert waren und ich deshalb schon nach einigen Tagen das Bein voll belasten durfte, natürlich mit Unterstützung von Gehstützen. Im ganzen Rehaprozess war es mir wichtig engmaschig betreut zu werden, Unterstützung zu erfahren und gleichzeitig am «Limit» zu arbeiten. Mit meinem Physiotherapeuten habe ich einen Zeitstrahl mit Zielen ausgearbeitet, am Ende standen die Weltmeisterschaften im nächsten Sommer. Auf dem Weg dahin gab es Etappenziele wie Laufen ohne Krücken, erstes Joggen, Sprünge, Einstieg ins Training ohne Scheibe und Gegner und so weiter… Dies gab eine extra Motivation.

Zwei Schritte vor, einer zurück: So läuft es manchmal in der Reha. Es lohnt sich trotzdem dran zu bleiben.

Erfolg in der Reha ist nicht selbstverständlich

Ich durfte mich sehr glücklich schätzen, denn die meisten Ziele habe ich in etwa der Zeit erreicht, die ich vorher mit meinem Physio erarbeitet hatte. Mein Körper hat super mitgespielt und ich habe versucht immer wieder auf ihn zu hören und ihm auch die nötige Regenerationszeit zu geben. Leider geht es hier natürlich nicht jedem so, ich habe auf meinem Rehaweg und auch später viele andere Personen getroffen, die immer wieder Rückschläge einstecken mussten, weil etwas nicht so gut verheilt ist, der Körper gestreikt hat oder ähnliches. Man muss sich in einem Rehaprozess nach einer solchen Operation bewusst machen, dass große Ziele und Etappenziele wichtig sind, doch es ist auch nicht unwahrscheinlich, dass man diese auf dem Weg anpassen muss. Es werden immer wieder Situationen auftreten, die das Gleichgewicht aus dem Ruder bringen. Wichtig ist sich davon nicht unterkriegen zu lassen, sondern am Ball zu bleiben und im ganze eigenen Tempo weiter zu arbeiten.

Ich habe sogar eine Reha beantragt und diese genehmigt bekommen. Ich empfehle allen dies zu probieren, viele Ärzt*innen wissen häufig nicht, dass eine ambulante Reha möglich ist. Also nehmt die Fäden selbst in die Hand: Bei der Krankenkasse anrufen/Formular suchen, mit zum Arzt nehmen und immer wieder darauf beharren, wie unglaublich wichtig es ist, so gut behandelt wie möglich zu werden und wie wichtig ein schnelles Comeback ist oder auch wie wichtig es beispielsweise ist schnell wieder fit für den Beruf zu sein.

Zuschauen wie andere Sport treiben kann hart sein, wenn man verletzt ist. Mir hat es trotzdem geholfen regelmäßig bei meinem Team zu sein. Verletzungen sollten keine soziae Isolation sein!
Im eigenen Tempo arbeiten, sich selbst herausfordern (lassen) und Aufbauübungen für den ganzen Körper helfen gestärkt aus der Verletzung heraus zu gehen. Auch mit Schiene geht vieles.

Ich habe immer das gemacht, was meine Physiotherapeuten gesagt haben, wollte aber auch von ihnen gepusht werden, habe Abschlusstests gemacht und bekam wieder den Startschuss zum Spielen. 10 Monate später konnte ich top fit die WM spielen – dafür bin ich unglaublich dankbar, weiss aber auch, dass dazu ein grosser Wille, ordentlich Arbeit, Regeneration und gute Betreuung gehören und absolut nicht selbstverständlich und die Norm ist. Bei mir hat in diesen 10 Monaten einfach alles zusammengepasst – Danke lieber Körper.

Allgemein ist sehr umstritten in welchen Fällen und ob ein Kreuzbandriss immer operiert werden muss. Fest steht sicherlich, dass wenn nicht operiert wird, es viel Aufbautraining und Pflege, sowie ein gutes Körpergefühl braucht, um zu spüren, ob der Körper den Belastungen standhalten kann. Ähnliches gilt natürlich ebenso für eine Operation (jeglicher Art). Nur weil die Strukturen operiert worden sind, heisst dies noch lange nicht, dass alles wieder so wie vorher ist. Wie bereits geschrieben bedarf ein Comeback viel harter Arbeit und einem gezielten Aufbauprogramm. Egal ob mit oder ohne Operation nichts ist 100% planbar, Rückschläge passieren, aber dranbleiben lohnt sich. Was mir zusätzlich sehr geholfen hat, war auch in der Verletzungs- und Rehaphase aktiv beim Team dabei zu sein – so blieb die Motivation oben und man bekommt jede Menge positiven Support. Auch wenn es verlockend ist, das ein oder andere vielleicht wieder mitzumachen, rate ich dringend davon ab, zu schnell zurückkommen zu wollen und somit zu riskieren langfristig nicht oder nur eingeschränkt spielen zu können, weil die Verletzung noch nicht voll verheilt und/oder der Körper noch nicht für die Belastung bereit war.

Fazit

Wer im Ultimate dauerhaft (Top-)Leistung erbringen will, sollte den Anspruch haben mit einem gesunden und leistungsfähigen Körper zu spielen. Dies funktioniert (neben einer guten körperlichen, technischen, taktischen und mentalen Vorbereitung) nur, wenn ihr:

  • Verletzungen ernst nehmt
  • euch gute Unterstützung sucht (Arzt/Ärztin, Physio, Trainer*in, etc.)
  • euren Körper kennt und auf diesen hören
  • mit einem klaren Plan und Zielen arbeitet

Yanni(cka) ist ein richtiger Profi – auf und neben dem Feld. Neben ihren Erfolgen in und mit dem Deutschen Frauen Nationalteam als Spielerin, ist sie auch in die Betreuung vieler Teams und auch Nationalteams im Bereich Athletiktraining involviert. Mit ihrem M.Sc. in Sportwissenschaften hat sie dafür die besten Voraussetzungen. Wer Yanni’s Kompetenz live erleben möchte, muss in die Schweiz fahren, dort ist sie seit 2015 selbständig mit Körpergut, einem Unternehmen für Functional Fitness and Health, einen ihrer „MamaFit“ Kurse darf sie demnächst selbst belegen.

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