von Kathrina Rieger

Heidi spielt seit knapp 20 Jahren Frisbee, gerade bei den Rheindivers Hohenems. Vor zwei Jahren hat sie ihre Karriere im Behinderten-Leistungssport beendet – sie kann auf 5 Weltmeistertitel und 7 Vize-Weltmeistertitel im Skirennlauf zurückblicken. In einem Interview hat sie erzählt, wie es ist mit einer Behinderung einen Breitensport auszuüben, welche Auswirkungen sie durch ihre Behinderung im Frisbee spürt, über ihre Erfahrungen als Skirennläuferin, ihre Einstellung zum Sport und zu ihrem aktuellen Frisbee Team. Neben dem Frisbee arbeitet Heidi für Mensch zuerst – People first Vorarlberg, eine Organisation, die sich für die Rechte von Menschen mit Lernschwierigkeiten einsetzt.

Heidi mit dem Rheindivers am Turnier- zu den größten zählen Talampaya und Missuldisc.

Wie ist die Behinderung bei dir entstanden?

Ich habe eine leichte Lernbehinderung, früher hat man geistige Behinderung gesagt, wir sagen „Menschen mit Lernschwierigkeiten“ weil der Geist nicht behindert sein kann. Ich hatte die Nabelschnur um den Hals gewickelt. Das hat ein paar Gehirnzellen abgetötet und dadurch ist die Lernbehinderung entstanden. Mittlerweile ist meine Behinderung nicht mehr so stark, weil ich mich weiterentwickelt habe. Früher habe ich beispielsweise auch ganz stark geschielt. Das ist jetzt nicht mehr so. Das liegt zum einen daran, dass ich mich mit der Behinderung auseinandergesetzt habe, aber zum anderen auch daran, dass ich Dinge erreicht habe – ich habe 2001 zum Beispiel den Hauptschulabschluss und danach die Lehre zur  Restaurantfachfrau gemacht. Das hat mich in meiner Entwicklung ganz weit vorangetrieben.

Wie beeinträchtigt dich deine Behinderung? Wie beeinträchtigt sie dich beim Frisbee spielen?

Ich brauch ein bisschen länger neue Dinge zu lernen wie normale Menschen. Und zum Beispiel wenn ich in Stresssituationen komme, dann bin ich sehr anhänglich auch bei fremden Menschen. Dann muss ich schauen, dass ich wieder den Boden unter den Füssen spüre. Ansonsten merke ich es noch wenn ich müde bin . Da umarme ich zum Beispiel jeden – auch Menschen, die ich nicht kenne.

Beim Frisbee merke ich die Behinderung beispielsweise auf einem Turnier, wenn meine Teamkamerad*Innen sehr nervös und aufgeregt sind, dann bin ich doppelt und dreifach aufgeregt. Das liegt daran, dass ich ganz viel wahrnehme. In so einer Situation, muss ich mich erstmal zurückziehen, dann entspanne ich mich und bring mich wieder auf den Boden zurück. Viele von meinen Teamkolleg*Innen merken das auch, und sagen dann:“ Heidi sei ruhig, entspann dich!“ und das beruhigt mich dann auch.

Außerdem brauche ich länger wie andere um Dinge zu lernen. Ich kann zum Beispiel immer noch nicht cutten, aber Vorhand werfen geht dafür sehr gut!

Wie geht ihr im Team damit um? Hast du die Behinderung angesprochen?

Meine Teamkamerad*Innen sehen mich als ganzen Menschen und stellen nicht meine Behinderung in den Vordergrund. Das ganze Team ist sehr offen und ehrlich und geht mit mir um wie mit einem normalen Menschen. Ich verstecke meine Behinderung auch nicht. Ich habe sie zwar mal angesprochen, aber  eigentlich ist meine Behinderung kein großes Thema. Wir reden wir nicht darüber. Meine Behinderung ist ja nur ein kleiner Teil von mir.

Die Rheindivers Hohenems

Wie ist es für dich, dass du mit einer Behinderung im Breitensport spielst?

Es ist spannend mit Menschen ohne Behinderung zu spielen, weil es mich pusht. Es bestätigt mir, dass mich meine Teamkolleginnen aufnehmen und annehmen wie ich bin und als Spielerin ernstnehmen. Es spornt mich an, wenn ich mit normalen Menschen spiele. Ich beobachte gute Spieler*Innen und versuche die Dinge wie sie umsetzten. Das ist das Spannende daran, dass man so viel von seinen Mitmenschen lernen kann. Das habe ich auch früher im Leistungssport gemacht.

Kannst du ein bisschen mehr über deine Zeit als Leistungssportlerin erzählen?

Also ich habe Ski-Alpin gemacht. Es gibt zwei Arten im Behinderten Sport: Die Special Olympics und INAS (seit Oktober 2019 Virtus – World Intellectual Impairment Sport , Anm. d. Red.). Bei INAS war ich dabei. Bei INAS fahren die Besten von den Besten der ganzen Welt. Ich habe an den Weltmeisterschaften in verschiedenen Ländern teilgenommen.

Mit 17 Jahren habe ich angefangen mit dem Ski-Rennlauf und vor zwei Jahren habe ich aufgehört. Insgesamt waren das  21 Jahre. Ich hatte einmal einen ganz schweren Skiunfall, da musste ich zwei Jahre Pause machen aufgrund der Verletzung. In der Zeit während meiner aktiven Karriere sind wir ca. 50 Mal im Winter auf den Ski gestanden zum Trainieren. Im Sommer auf dem Gletscher. Nebenbei habe ich die ganze Zeit gearbeitet.

Heidi wurde 2012 Sportlerin des Jahres. Sie bekam als 1. Mental behinderte Sportlerin diesen Titel. 2016 wurde sie in die Hall of Fame der INAS aufgenommen nachdem sie Vizeweltmeisterin bei ihrem Verletzungsbedingten Comeback wurde.

Angefangen habe ich mit meinem Vater. Der hat beim Skifahren immer geschaut ob er Stangen findet um die ich fahren kann. Und dann haben wir per Zufall in einem kleinen Skigebiet in Vorarlberg Christian Oljenski kennengelernt und haben ihn gefragt ob ich mit ihm trainieren kann. Das war 2009. Davor habe ich sporadisch noch mit dem WSV Ludesch trainiert. Dort waren Martin Nesler und Daniel Siegel für 5 Jahre meine Trainer. Danach war Christian für ca. 6 Jahre mein Trainer. Zusammen mit seinem Sohn hat er mich auf die Weltmeisterschaften vorbereitet und dort auch begleitet. Die ganze Karriere durch haben auch meine Eltern mich extrem unterstützt.

Um bei INAS mitfahren zu können, musste man einen Intelligenz Test machen. Da gibt es gewisse Normen die man erreichen muss. Das war bei mir ziemlich knapp (INAS Teilnahme -Voraussetzung ist ein IQ von 75 oder weniger, Anm. d. Red.). Bei dem Intelligenztest kann man nicht schummeln, der geht 3 Stunden lang. Special Olympics hingegen unterscheidet in 5 Gruppen – je nach Grad der Behinderung.

Heidi beim Skirennlauf 2011.

 

Ich bin 5-fache Weltmeisterin, 7-fache Vizeweltmeisterin und Bronze habe ich, glaub ich, zwei oder drei Mal gewonnen. Ich war ziemlich gut; Spanien, Frankreich, Italien und Schweden waren starke Gegner. Ich habe dort auch ganz viel Englisch gelernt um mich mit den anderen TeilnehmerInnen austauschen zu können.

Wie laufen die Wettbewerbe ab?

Am Start, kurz vor dem Rennlauf, bist du für dich alleine zuständig. Du fokussiert dich auf dich selbst, wärmst dich auf. Du bist abseits von allen Menschen um den Fokus ganz auf dich zu lenken, da geht es um was. Ich bin innerlich den Lauf nochmal durchgegangen. Habe die Hindernisse nochmal genau angeschaut – Wo sind die Tore schwieriger? Wie steil ist das Gelände? Wie muss ich die einzelnen Tore anfahren? Als ich dann zum Start gegangen bin, war ich wie in einem Trance-Zustand, um die Leute von mir abzuschotten. Das macht jeder anders, aber bei mir war das so. Für mich war das immer ganz wichtig, dass ich mich auf mich selbst konzentriere.

Heidi bei der Siegerehrung

Wie ist die Stimmung zwischen den Teilnehmer*Innen?

Mein Trainer hat mal gesagt, es sei so herzlich im Umgang. Bei jedem Wettlauf feuert man denjenigen an, der gerade fährt. Wenn jemand mal nicht gewinnt, wird er umarmt und getröstet. Man geht mit einem offenen Herzen mit den anderen Teilnehmer*Innen um. Manchmal hab ich mir gewünscht, dass jemand der normal ist, das auch mal miterlebt weil es ist einfach wunderschön zu beobachten ist, wie offen und ehrlich alle miteinander umgehen. Es gibt schon Konkurrenz aber man gönnt den Gegner*Innen ihre Erfolge. Was ich aus dem Behinderten-Sport mit zum Frisbee nehme ist die Herzlichkeit von mir und den anderen Teilnehmer*Innen.

Wie findest du wird Inklusion im Frisbee gelebt? Was kann verbessert werden?

Es fällt mir auf, dass wenig Menschen mit Behinderung dabei sind. Es ist auch nicht leicht Menschen mit Behinderung im Frisbee zu integrieren. Ich habe lang trainiert und Zeit gehabt um mich einzuleben. Was bei der Integration super wichtig ist, dass es viele Trainer*Innen braucht, die sich viel Zeit nehmen für Menschen mit Behinderungen bzw. Lernschwierigkeiten um ihnen die Inhalte greifbar zu machen. Das braucht ganz viel Feingefühl und Geduld. Aber wenn wir etwas kapiert haben, dann geht es uns ganz leicht von der Hand, wie bei einem normalen Menschen.

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Kathrina ist seit 3 Jahren für den Österreichischen Frisbee Verband tätig und Gründungsmitglied von Uplift Ultimate. Sie ist ehemalige Spielerin des Österreichischen Frauen National Teams und bei Mantis Ultimate Vienna und Trinkokay! von Anfang an mit dabei.

Auch ganz von Anfang an dabei ist Kathrina bei Uplift Ultimate. Sie sucht, findet und betreut vor allem Autorinnen aus der österreichischen Community

Was sie besonders an unserem Sport begeistert ist die große Vielfalt an unterschiedlichen Persönlichkeiten und Lebensgeschichten.

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1 Kommentar

  1. Danke für das Interview! Ich finde es stark, dass ihr mit eurem Beitrag einem ganz wesentlichen Thema Raum gebt.
    Über den Umgang mit Stärken und Schwächen innerhalb eines Teams wird nicht erst seit gestern diskutiert. Entscheidend (und spannend!) wird es allerdings, wenn die Unterschiede (körperlich und kognitiv) ausgeprägter sind als es der sog. „normale“ Bereich hergibt und wenn individuelle Fähigkeiten in der Form auffallen, als dass sie weit hinter den Erwartungen anderer (Mitspieler*innen, Trainer*innen usw.) sind (und bleiben?!).
    Inklusion hat viele Gesichter. Unterschiede in z.B. Sprache, Kultur oder bisheriger Sporterfahrung werden wohl in den meisten Ultimate Teams spätestens im Zusammenspiel auf dem Feld überwunden. In der größtenteils „sehr akademisch geprägten“ Ultimate Szene ist bisher aber kaum Platz für Menschen, denen ein Intelligenztest-Ergebnis eine kognitive Beeinträchtigung „bescheinigt“ bzw. eine (geistige) Behinderung zuschreibt.
    Es ist schön zu lesen, welche positiven Erfahrungen Heidi innerhalb des Teams bisher gemacht hat (v.a. dass sie „als Spielerin ernst genommen“ wird). Heidis Schilderungen im Interview und die Eindrücke in ihr Leben als Sportlerin scheinen mir ein Anfang zu sein, den Personenkreis (zukünftiger?!) talentierter Ultimate-Spieler*innen deutlich größer zu denken als bisher. Denn IQ-Werte können auch deutlich geringer ausfallen (als in diesem Fall) – das ist Fakt. Doch medizinische Diagnosen und Labels sind das eine; viel wichtiger ist doch, wie wir Menschen, die sich in vielen Dingen schwerer tun als andere, an unserer coolen Ultimate Frisbee Welt voller gutem Spirit teilhaben lassen können! „Mehr Feingefühl und Geduld“ (wie von Heidi erwähnt) im Training & Spiel schadet sicherlich nie 😉 und ja, ist dann ggf. eben auch erforderlich!
    Es ist schön ein Ultimate Spiel oder Turnier zu gewinnen. Es ist aber auch schön, wenn alle Spieler*innen im Team mit Freude und gleicher Beteiligung dabei sind und sich gemeinsam für Ultimate begeistern. Inklusion beginnt im Kopf… 😊

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