– von Noémi Blome und Luka Faradsch
Es ist Sommer 2018. Uri, ein 12-jähriger Israeli aus Tel Aviv und Bashir, ein 12-jähriger Palästinenser aus Jerusalem sind seit einer Woche gemeinsam im Sommercamp von Ultimate Peace, 15 Fahrminuten von Gaza entfernt.*
Seit einer Woche trainieren sie täglich zusammen Ultimate, lernen Cutting Technik, den Unterschied zwischen Inside und Outside Würfen, singen Campsongs und machen nachmittags Acroyoga oder Freestyle Frisbee. In der ganzen Zeit sprechen sie kein Wort miteinander. Weil sie nicht wissen wie. Der eine spricht Hebräisch, der andere Arabisch. In der Schule, in der Familie wird immer wieder erzählt, wie grausam “die Anderen” sind, in den Nachrichten sowieso. Welche Vergehen die andere Seite begangen hat, warum man ihnen nicht trauen darf. Selbst wenn beide dieselbe Sprache sprechen würden, sie hätten Angst, aufeinander zu zu gehen. Zu groß sind die seit Jahrzehnten gelernten Vorurteile, zu tief sitzt die Angst.
Jetzt, am letzten Tag des Camps sehe ich Uri auf Bashir zugehen, ihn an der Schulter antippen und sagen „Throw?“. Die nächsten zwei Stunden verbringen die beiden damit, sich gegenseitig neue Würfe beizubringen, die sie während des Camps gelernt haben. Sie reden immer noch kein Wort miteinander, aber sie kommunizieren. Durch Lachen, durch Augenkontakt, durch Werfen. Am Ende klatschen sie sich grinsend ab und gehen gemeinsam zum Abendbrot.
Infobox
* Die Begriffe ‘Israelis’ und ‘Palästinenser’ vereinfachen eine komplexe Realität. Viele Palästinenser*innen leben im Staat Israel, nicht alle Israelis sind Jüd*innen et cetera. Hier werden wir die Begriffe der Einfachheit halber so verwenden: ‘Israelis’ sind Hebräisch sprechende Jüd*innen, ‘Palästinenser’ Arabisch sprechende Muslim*a oder Christ*innen in Israel, dem Westjordanland oder dem Gazastreifen.
Wie es dazu kam…
Beide kamen das erste Mal in das jährlich stattfindende Camp von Ultimate Peace. Seit über zehn Jahren organisiert die amerikanische NGO Sommercamps im Nahen Osten. Ziel dieser Camps ist es, einen sicheren Raum zu schaffen, in dem sich israelische und palästinensische Jugendliche abseits von Politik kennenzulernen können, Vorurteile hinterfragen und (wie im Fall von Uri und Bashir) vielleicht sogar Freundschaften schließen. Was von ein paar amerikanischen Spielern, darunter Hall of Fame Mitglied David Barkan, als zweiwöchige Reise gedacht war, um eine Ultimate Clinic und ein paar Showcase Games in Israel zu organisieren, entwickelte sich schnell in eine ausgewachsene Organisation.
Mittlerweile bietet Ultimate Peace (kurz: UP) wöchentliche Trainingseinheiten in unzähligen Teilen des Landes an, organisiert einmal im Jahr ein Ultimate Sommercamp für über 300 Jugendliche und bildet Coaches aus.
Wir, Noémi Blome und Luka Faradsch, waren vergangenen Juli als freiwillige Coaches im Ultimate Peace Camp. Für Noémi war es das erste Camp, für Luka das fünfte. Wir kennen uns aus der gemeinsamen Saison bei jinX in Berlin, wo Luka lebt und ihr Psychologiestudium abschließt, während es Noémi mittlerweile zurück nach England verschlagen hat, um dort Internationalen Beziehungen zu studieren.
Als Coaches, als Frauen und als Deutsche sind unsere Erfahrungen vor Ort so vielschichtig, wie sie hier nur schwer zu umreißen sind. Trotzdem möchten wir gerne einen kurzen Einblick in unsere Erlebnisse mit der Organisation Ultimate Peace geben.
Warum Ultimate? Spirit of the Game als Toolset und Mindset
Warum spielen wir bei UP mit den Kids Ultimate und nicht Fußball oder Basketball? Ultimate eignet sich durch das selbstregulierte Spiel und den Spirit of the Game besonders für diese Art der Konfliktarbeit. Der SOTG gibt allen Spielenden ein Set von Werkzeugen an die Hand, um bei Meinungsverschiedenheiten einen Weg zu finden, wie es weitergeht. Wichtiger noch: Spirit of the Game ist ein Mindset. Der Wille, die andere Seite anzuhören, die eigene Ansicht klar zu kommunizieren und nach einer Einigung suchen zu wollen. Konflikte werden so nicht auf eine dritte Partei “ausgelagert” und das gemeinsame Suchen nach einer Lösung rückt mehr ins Zentrum. Die Jugendlichen im Camp lernen durch SOTG, ihre eigenen Gefühle wahrzunehmen, ihre Ansicht zu kommunizieren und eine andere Perspektiven einzunehmen.
Kein UP Coach glaubt, durch unsere Arbeit vor Ort den Israel-Palästina Konflikt zu lösen. Das ist auch nicht das Ziel der Organisation. Es geht bei UP darum, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die wir ändern können: Zum Beispiel, wie sich junge Menschen verschiedenster Herkunft im Camp begegnen, auf welche Regeln und Normen wir uns einigen, welche Kultur wir gemeinsam im Camp entwickeln. Als Coaches ist es unsere Aufgabe, einen Raum zu schaffen, in dem die Jugendlichen Vertrauen entwickeln. Vertrauen in sich selbst und ineinander. Durch das von Spiel und Leichtigkeit getragene Zusammenleben auf und neben dem Feld erleben die Jugendlichen, dass es mehr als eine Wahrheit gibt, mehr als eine Geschichte. Und sie lernen, sich mit offenen Augen zu begegnen.
Friedensarbeit als Allheilmittel?
UP ist nicht unumstritten. Projekte, die grob in den Bereich der Entwicklungszusammenarbeit fallen, sind nicht immer unproblematisch. Eine Rhetorik á la “wir helfen denen dort” impliziert, dass wir im Westen die Lösungen aller nicht-westlichen Konflikte hätten und diese nun großzügig mit anderen teilen.
Im Fall von UP ist diese Kritik aber nicht (immer) berechtigt: Auch wenn UP als ein Projekt amerikanischer Ultimate Spieler entstand, wird es mittlerweile hauptsächlich von Mitarbeiter*innen aus dem Nahen Osten getragen. Das Sommercamp ist das jährliche Highlight und dennoch nur ein winziger Teil der Arbeit, die die Mitarbeiter*innen das ganze Jahr über in der Region leisten. Das Team von lokalen Freiwilligen und Angestellten bietet wöchentliches Training an mehreren Schulen im ganzen Land an. Teilweise gibt auch es Trainingseinheiten in kleineren Gemeinden im Westjordanland – regelmäßiges Training anzubieten ist hier leider immer von der aktuellen Situation abhängig.
UP’s apolitischer Ansatz (es wird im Camp nicht über den Konflikt gesprochen, es gibt keine Flaggen etc.) wird außerdem dafür kritisiert, den Status Quo des Israel-Palästina Konflikts durch die eigene Arbeit zu akzeptieren und zu legitimisieren. Diese Kritik scheint berechtigt, und dennoch: Was ist die Alternative? Mit dieser Arbeit warten, bis sich die politische Lage aus israelischer und palästinensischer Sicht verbessert? Oder lieber auf kleinster Ebene daran arbeiten, dass Kinder und Jugendliche auf beiden Seiten tatsächlich miteinander in Kontakt kommen, statt ihre einzigen Informationen über “die Anderen” aus den Medien oder ihrem direkten Umfeld zu bekommen?
So wie im Camp 2019: Wie immer nach dem Mittag geht die Musik an und alle Kids stürmen auf die Bühne, tanzen, singen, bemalen sich gegenseitig die Gesichter. Musik hat hier ihre eigene Kraft. Die inoffizielle Camp-Hymne „Wavin’ flag“ erklingt und alle holen ihre selbstgemalten Teamflaggen hervor. Die grünen Ninja Turtles, die gelben Minions, die grauen StoneSharks. Ava, eine 14-jährige Jüdin aus dem Norden Israels sitzt wie jedes Mal beim Essen in sich gekehrt und spricht wenn dann nur mit den Coaches auf Englisch. Bisher hat sie kein Wort mit ihren arabischen Mitspielerinnen gewechselt. Der erste Refrain von „Wavin’ flag“ ertönt und Mara, die aus einer muslimischen Gemeinde Israels kommt, geht auf Ava zu, streckt ihre Hand aus und sagt „Come on, let’s dance“. Am selben Abend wird Ava im abendlichen Spirit Circle vor dem gesamten Camp sagen, dass sie heute das erste Mal verstanden hat, was es heißt, Freunde zu haben.
Leaders auf und neben dem Feld
Das Herzstück von Ultimate Peace ist das Leaders in Training (LIT) Programm. Im LIT-Programm nehmen Jugendliche aus der Region an einem dreijährigen Kurs teil, der sie mit vielfältigen Fähigkeiten ausstattet: Konfliktlösung, Kommunikation, interkulturelles Verständnis, Führungsfähigkeiten, soziales Engagement. Hier wird ihnen die Möglichkeit geboten, die Erfahrungen aus dem Camp noch einmal individuell, psychologisch, politisch und sozial zu vertiefen.
Die Gruppe besteht gleichermaßen aus Moslems, Juden, jungen Frauen und jungen Männern. Innerhalb der drei Jahre gehen sie ihren erlernten Vorurteilen auf den Grund, besuchen sich gegenseitig in ihren Heimatorten, organisieren Events in ihrer Schule oder während ihrer Armeezeit und schaffen so Raum für Begegnung. Sie werden Freunde. Sie entwickeln ein intrinsisches Interesse daran, etwas am Status Quo im Nahen Osten zu ändern. Aber vor allem entwickeln sie das Vertrauen in ihre Kraft daran aktiv mitzuwirken.
Im jährlichen Sommercamp übernehmen die LITs dann zunehmend Führung als Co-Coaches. Sie kommen aus dem Nahen Osten, sprechen die Sprachen der Region (Hebräisch und/oder Arabisch) und kennen den Kontext. Sie ermöglichen uns internationalen Coaches, eine sinnvolle und nicht vorbelastete Rolle einzunehmen: Unsere Aufgabe ist es, die LITs beim Coachen der Kids zu unterstützen.
Noémi erinnert sich: “Ich bin von Vornherein mit dem Wissen ins Camp gekommen, dass ich wenig weiß. Ich hab mich unwohl gefühlt, weil ich weder Hebräisch noch Arabisch sprach und die Region (bzw. den Konflikt) nur aus abstrakten Uniseminaren kannte. Mir war sehr bewusst, dass ich mich zwar mit Frisbee besser auskannte, aber dass ich in vielen anderen Bereichen auf die LITs und ihre Erfahrungen angewiesen war. Das Ergebnis war eine besondere Beziehung zu den LITs, die einerseits zu mir und anderen Coaches aufgeschaut haben, und die andererseits in vielen Fällen so viel mehr wussten und so viel älter und reifer waren als ihre 14 oder 15 Jahre. Während des Camps hat Noa, eine junge LIT, es mal so formuliert: „Unterschätzt uns nicht. Wir kennen uns vielleicht mit Frisbee noch nicht so aus wie ihr, aber wir kennen die Leute und den Kontext. Wir können und wollen helfen.“
Frauen als Vorbilder
Während wir uns in Israel vor allem als Deutsche wahrgenommen haben (und gesehen wurden), sind wir für diesen Artikel nochmal speziell der Frage nachgegangen, was es bedeutet als Frau dort zu sein.
Die Selbstverständlichkeit, mit der bei UP männliche und weibliche Coaches gleiche Positionen und Autorität inne hatten, ist auffallend. In einem Sport, der allein zahlenmäßig nach wie vor von männlichen Sportlern dominiert wird, ist dies nicht selbstverständlich. Insbesondere (aber nicht nur) junge Spielerinnen profitieren von weiblichen Coaches als Vorbildern. Bewusst oder unbewusst, erleichtert ihnen das die Vorstellung, selbst mal in dieser Rolle zu sein. Wie mit jeder Identitätskategorie (ob Race, Gender, Religion, …) ist es wichtig, dass es Menschen in tragenden Positionen gibt, mit denen wir uns identifizieren können. Wie soll man als Kind sonst daran glauben, dass einem solche Positionen offen stehen?
Noémi erinnert sich noch genau, wie sie als Frisbeeanfängerin unheimlich von der Erfahrung, Loyalität und dem Selbstbewusstsein einiger Ultimate-Spielerinnen in ihrer Umgebung profitiert hat: “Natürlich können auch männliche Spieler tolle Vorbilder sein (und natürlich ist es auch für Jungs wichtig, weibliche Coaches zu haben und zu sehen), aber ich konnte mich mit meinen weiblichen Captains oder Coaches oft am leichtesten identifizieren. Ich hatte außerdem den Eindruck, dass Spielerinnen sich eher getraut haben, mit manchen Anliegen, z.B. Regelschmerzen, zu mir zu kommen. Aus eigener (schmerzhafter) Erfahrung konnte ich nachfühlen, wie es ihnen ging. Außerdem wussten sie, dass ich als Spielerin schon mit ähnlichen Vorurteilen zu kämpfen hatte, die weibliche Sportlerinnen gerne als wahlweise weniger kompetitiv, belastbar oder ehrgeizig darstellen.”
Für Luka waren die Unterschiede in ihrer Rolle als weiblicher Coach interessant. Als Trainerin eines Mädchenteams durfte sie jungen Frauen ein Vorbild sein: “Ein Mädchen aus meinem allerersten Camp 2014 kam vier Jahre später auf mich zu und sagte ‘I became a LIT because of you. Because I saw that women can be strong and compassionate leaders.’ Das machte mir nochmal deutlich, wie wirkungsvoll v.a. meine Rolle als Frau im Camp war.” Prägend war für sie auch die Erfahrung, als einzige Frau sowohl ein Team von männlichen internationalen Jugendlichen als auch Coaches zu leiten. Vor allem die jungen Männer gaben zu, dass sie anfangs fast enttäuscht waren, als sie hörten, dass eine Frau sie coachen würde. Schnell war davon jedoch keine Rede mehr:
„Am Ende des Camps sprachen dieselben Jungs davon, wie besonders unser Teamzusammenhalt, unsere Erfolge auf und neben dem Feld für sie waren und wieviel sie gerade durch einen weiblichen Coach gelernt hatten.”
Ultimate Peace – Reine Utopie?
Zurück zum Sommer 2018: Das Camp ist vorbei, Uri und Bashir verabschieden sich voneinander und tauschen Adressen aus, damit sie sich Briefe schreiben können. Über die Geschichte von Uri und Bashir wird sogar ein kleines Video gedreht. Als wir das Video am letzten Tag im Camp gemeinsam gucken, steht allen Coaches im Raum die Rührung ins Gesicht geschrieben. Alle wissen: Deswegen sind wir hier, deswegen kommen wir jedes Jahr wieder her und nehmen zwei Wochen Schlaflosigkeit, Anstrengung, endlose Meetings, Hitze und Verantwortung auf uns. Für diese Momente.
Am Ende des Camps erreicht uns die Nachricht, dass das Video niemals veröffentlicht werden kann. Beide Jungs müssten sonst in ihrer Schule und Familie massivste Beschimpfungen und Ausgrenzung befürchten. Was für eine verdrehte Welt.
Die Geschichte der beiden macht eines sehr deutlich: Frieden durch Frisbee wird es nicht geben. Daran kann kein noch so schönes Camp etwas ändern. Was wir jedoch ändern können, ist durch Initiativen wie UP eine heranwachsende Generation zu begleiten, die lernt hinter Label, wie Israeli, Palästinenser, Moslem oder Jude zu schauen. Eine Generation, die versteht, dass Andersartigkeit erstmal beängstigend, aber vor allem bereichernd sein kann. Die Verständnis von sich selbst und füreinander entwickelt. Und, die mit diesem Wissen und diesen Erfahrungen eines Tages in die Schulen, Universitäten und Parlamente des Landes einzieht und versteht, dass sich etwas ändern kann. Und auch weiß, wie. Ganz gleich ob durch Politik, Musik, Theater, Technik oder Sport. Doch stets durch menschliche Begegnung auf Augenhöhe.
Oder wie ein Kind im Camp es mal formulierte: “I always thought they were so different from us. But after UP I realized, we like the same music, play the same sport, talk about the same things with our friends. Now I see that we are actually not so different. We’re all just people.”
Noémi spielt momentan bei Oxford Ultimate – wenn sie nicht gerade ihr Knie rehabilitiert oder darauf wartet, dass globale Epidemien enden. Vor zwei Jahren hat sie in Berlin bei JinX gespielt und letztes Jahr bei SYC in London. Sie macht ihren Master in Internationale Beziehungen und liebt als gebürtige Münsteranerin ihr Fahrrad (und ihre Regenhose).
Luka spielt aktuell bei jinX und BRLO in Berlin. Neben der jährlichen Reise nach Israel zu Ultimate Peace, war die EM 2019 mit dem deutschen Mixed Nationalteam eines ihrer Highlights. Wenn sie nicht über einen Rasen (oder Strand) Europas rennt, studiert sie im x-ten Semester Psychologie, macht Spirit-Workshops mit AUDI Managern oder sitzt mit ihrer Gitarre irgendwo in Brandenburg am Lagerfeuer.